Wenn sich Biffy Clyro im Kopf festbeißt

Gerade vor ein paar Tagen habe ich meine Karten für das diesjährige Taubertal Open Air weitergegeben. Ich schaffe es einfach nicht und zu viele andere Dinge passieren. Nicht schlimm. Das letzte Mal als ich dort war, haben mich Biffy Clyro voll umgehauen. Ich kannte die Band nicht, hatte mir die Band vor dem Festival auf youtube reingezogen und war dann vollkommen überwältigt. Jetzt kam vor kurzem ein neues Album von den Jungs raus und ich musste ganz schnell reinhören. Gleich der erste Track „Wolves of Winter“ auf Ellipsis ist genau nach meinem Geschmack:

Danach wird es etwas diffuser und musikalisch zwar abwechslungsreich, aber für mich weniger überzeugend. Grundsätzlich gibt es für mich zu viele Choräle und es wird an manchen Stellen zu poppig. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich das Album nicht mag. Ich habe wohl immer noch keine endgültige Meinung dazu. Manche Titel manchen mir Spaß. „Animal Style“ ist hierfür ein gutes Beispiel:

Andere Titel gehen mir etwas auf die Nerven. Ich bin von mir selbst fasziniert, wie ich die Titel versuche im Gesamtzusammenhang eines Albums zu hören, was ich schon länger nicht mehr gemacht habe. Es gelingt mir mehr schlecht als recht. Ich glaube, dass die einzelnen Titel besser sind, als das Album im gesamten. Es überrascht mich nicht. Biffy Clyro sind eine unfassbare Liveband und ich höre meist Konzertmitschnitte. Die Stimmung, die sich von der Band auf das Publikum überträgt, ist immens. Und so freue ich mich schon die neuen Tracks bald selbst live zu hören. Einen ersten Eindruck auf die Tour im Herbst gibt es trotzdem schon durch die Studioaufnahmen. Schade, dass die Arrangements und die Abstimmung auf Platte in diesem Fall nicht vollumfänglich einfängt, zu was diese Band fähig ist. Trotzdem fesseln mich Biffy Clyro beim Hören der Songs mehr als die meisten anderen Bands im Moment. Wahrscheinlich waren die Erwartungen einfach zu hoch.

Raus aus dem Underground – Wie auch ich Audio88 & Yassin aus dem Schatten zerre

Hip Hop. Musik meiner weniger melancholischen Phasen. Witzig, provokant, hoffentlich mit dem Beat voll auf die Fresse. Manchmal auch tiefsinnig und nicht leicht zu durchschauen. Auch wenn ich mit den Beginnern meine Jugend verbrachte und auch Ahnma gerade sehr verehre, stillt das den Durst doch nicht. Was soll man denn während den Jahren machen, wenn die werten Herren nichts auf den Markt werfen? Gott sei Dank gibt es Antworten auf diese Frage…

Ich will doch auch dann nur normale Musik hören. Während Bands wie K.I.Z. in den letzten Jahren zu großer Bekanntheit gekommen sind, gibt es immer noch viele Künstler, die weniger bekannt sind, das vielleicht auch ganz gut so finden, aber trotzdem cooles Zeug am Start haben. Bei Audio88 & Yassin bin ich hier nun zuletzt hängengeblieben. Die Berliner Rapper haben letzen Monat ihre neue Platte Halleluja veröffentlicht und das Ding rockt ordentlich. Provokant und aggressiv. Genug von beidem, um Leute effektiv abzuschrecken. Aber wehe man schaut hinter die Fassade: intelligente Texte und musikalischer Einfallsreichtum springen einem entgegen.

Und nachdem richtig und falsch immer im Auge des Betrachters liegen und man ruhig mehr über Dinge nachdenken darf, freue ich mich über diese beiden Provokateure. Dabei sind die beiden Charaktere unterschiedlich, ergänzen sich aber sehr gut. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die nächsten Werke. Mit diesen 8 Tracks kommen wir nämlich nicht weit. Das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein, oder?

Sportbuch 07/2016: Die besondere Zeit von Kloppo beim BVB

Mein Vorsatz hält und dies ist schon das siebte Sportbuch dieses Jahr, welches ich hier vorstelle. Vorsätze sind manchmal ganz gut, um etwas Disziplin an den Tag legen zu müssen. Das ich gerade wieder einen Thriller zwischendurch gelesen habe, will ich gar nicht verraten. Der Arbeitsweg in der Straßenbahn bietet sich für manche Formate etwas besser an als für andere. Das folgende Buch ist mir dabei länger in der Tasche gelegen, obwohl es in einem etwas unhandlicheren Format daherkommt. Farbig und mit vielen Illustrationen, die das geschriebene Wort anschaulicher machen. Aber um was geht es genau?

Martin Rafelt hat sich aufgemacht, um mit Vollgasfußball ein Buch über die Fußballphilosophie des Jürgen Klopp zu schreiben. Eigentlich. Am Ende ist dabei ein Buch über die Strategie und Taktik von Borussia Dortmund während einer sehr erfolgreichen Phase der Vereinshistorie herausgekommen. Dieses Ziel erfüllt das Buch komplett. Es beschäftigt sich mit vielen Details und porträtiert einzelne Spieler.

Jürgen Klopp und sein Trainerteam kommen dabei etwas zu kurz. Das Jürgen Klopp vor seiner Zeit in Dortmund über lange Jahre Trainer bei Mainz 05 war, wird zwar kurz angerissen aber ansonsten nicht weiter beachtet. Ich habe vor einigen Jahren Pete Carrolls Buch Win Forever gelesen. Pete Carroll, ein sehr erfolgreicher American Football Trainer, beschreibt darin seine Philosophie. Fast genau so wichtig wie die Philosophie an sich, ist woher diese Philosophie kommt und wie sie sich begründet. Authentizität und ein gesamtheitlicher Ansatz stehen dabei im Mittelpunkt. Was Martin Rafelt vollmundig als Fußballphilosophie beschreibt, ist davon nur ein Teil. Ich weiß, dass ich bei so etwas besonders kleinkariert sein kann, aber mir geht es bei Philosophie in diesem Zusammenhang um mehr als das, was direkt auf dem Rasen passiert. Um die Philosophie nachvollziehen zu können, ist es mir wichtig, diese in den Kontext der Lebenswege der handelnden Personen zu setzen. Wie kam Klopp nach Dortmund? Warum hat er sich für Dortmund entschieden? Wie wurde er fußballerisch geprägt? Wie hat er seine Co-Trainer kennengelernt? Das sind Fragen auf die ich mir sehr viel detaillierte Antworten gewünscht hätte.

Dazu ist es Martin Rafelt aus meiner Sicht nicht gut gelungen, zu vermitteln, warum die Phase unter Klopp für BVB-Fans so etwas besonderes war. Hier hätte es nicht geschadet, mir als Beobachter aus der Ferne die Erfolgsgeschichte des BVB und den Fast-Kollaps nochmal näher zu bringen und etwas auszuholen. Mir gelingt es schwer, diese Jahre geschichtlich beim BVB einzuordnen, da ich mich mit der Vereinshistorie nicht gut genug auskenne. Ich hätte mir gewünscht, dass mir der Autor hier etwas unter die Arme greift. Das darüberhinaus auch die sportlichen Leistungen von Jürgen Klopp als Trainer bei Mainz 05 einer Einordnung bedurft hätten, sei mal dahingestellt.

Wenn man von diesen Punkten absieht, dann ist Martin Rafelt ein detailreiches Buch gelungen, welches Saison für Saison die taktischen und personellen Entwicklungen des BVB unter Jürgen Klopp aufarbeitet. Ich würde lügen, wenn ich vorgeben würde, das es einfach zu lesen war. Aber viele Details haben mich trotzdem fasziniert und einige taktische Stilmittel habe ich selten so detailliert beschrieben gelesen. Wer wissen will, was der Unterschied zwischen „herausrücken“ und „herauskippen“ ist, und warum beide Mittel für den BVB wichtige Dienste geleistet haben, der ist bei diesem Buch richtig. Formationen und strategische Ausrichtungen werden seziert und unter die Lupe genommen. Der Blick über den Tellerrand auf die Herkunft der Ideen und die nationalen und internationalen taktischen Entwicklungen geht dabei zuweilen verloren. Dabei kann ich Martin Rafelts Begeisterung für die Jahre unter Klopp gut nachvollziehen und habe diese Begeisterung auch schon bei Frank Lehmkuhl in Zusammenhang mit Fortuna Düsseldorf erkannt. Es ist doch immer wieder spannend, dass dieser Sport die Menschen auf so unterschiedliche Art und Weise fasziniert. Ich teile dabei mit Martin Rafelt nicht die Perspektive (und werde zuweilen mal wieder ein eher biografisches Werk lesen), aber wohl die Euphorie für die Geschehnisse auf dem Rasen. Insofern, ist sein Buch wohl ein gelungenes Werk um einige der größtern Überraschungen in der Bundesliga detailliert festzuhalten, damit sich auch später noch an Kloppo erinnert wird. Mal schauen, wer den Bayern als nächstes zwei Meisterschaften in Folge abtrotzen kann. Eine Vorhersage wagt hier im Moment wohl niemand.

Stuttgart international, nicht beim Fußball, scheißegal

Ich habe mir Vorsätze gegeben für dieses Jahr. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, den Kopf nicht zu sehr in den Sandkasten der Arbeit zu vergraben. Entsprechend will ich in 2016 wieder mehr Livemusik hören. Nachdem ich dies gegenüber einem Kollegen geäußert hatte, kam bald der Vorschlag zu einem Konzert der Kids of Adelaide im Frankfurter Nachtleben zu gehen. Das Nachtleben ist dabei eine sehr kleine und intime Location. Der Name Kids of Adelaide klang zwar international aber bald hatte ich rausgefunden, dass es sich um ein Stuttgarter Duo handelt. Der Name ist dabei kein Etikettenschwindel, da die Musik trotz der schwäbischen Herkunft vielerorts auf der Welt beheimatet sein könnte. Wie die Musik von Jeremy Loops handelt es sich um Soulmusik im weitesten Sinne. Das Konzert wurde erst krankheitsbedingt verschoben und so währte die Vorfreude etwas länger. Ich gebe zu, ich war etwas skeptisch.

Wenn man die zwei Jungs dann live sieht, dann wundert man sich schnell, wie voll der Sound ist und wo die ganzen Töne herkommen.  Die Melodien sind zu eingängig, die Musik ist zu vielfältig und enthält zu viel Energie, als dass man sich entziehen könnte. Wie zwei Menschen eine solche Energie transportieren können, ist bewundernswert.

Alles für 2 Personen. Krasses Ding. #KidsofAdelaide #Nachtleben #meinfrankfurt

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Da bleibt zum Abschluss nur zu hoffen, dass man sich bald wieder sieht. Ich würde sofort wieder zu einem Konzert gehen und mir die Geschichten der beiden anhören. Ich hoffe aber auch, dass der Terminkalender der Kids of Adelaide schon so voll ist, dass sie gar nicht mehr so bald nach Frankfurt kommen. Die großen Festivals dieser Welt warten hoffentlich schon.

Sportbuch 06/2016: Das Ende der Zahlenrätsel beim Fußball

„Ich liebe dich.“ – Tobias Escher hat mit Vom Libero zur Doppelsechs: Eine Taktikgeschichte des deutschen Fußballs ein Buch geschrieben, das die taktische Entwicklung des deutschen Fußballs in seiner Gesamtheit zum Inhalt hat. Viele Rezensionen beginnen damit, wie er überhaupt dazu gekommen ist im September 2010 damit anzufangen, über Taktik im Fußball zu schreiben („Eigentlich war mir nur langweilig“). Viel wichtiger ist im Hinblick auf das Buch aber wohl, wie er dieses tolle Buch fertigstellen konnte. Und nachdem auch ich ohne die Unterstützung meiner Frau nie da gelandet wäre, wo ich heute bin, kann man die Liebe und Unterstützung seiner Frau Katharina ruhig nochmals hervorheben. Danke Katharina, dass Du Tobias unterstützt hast. Das Ergebnis ist sehr gut geworden und mir hat die Lektüre viel Spaß gemacht und mein Wissen über Fußballtaktik erweitert.

Sportbuch 06/2016: Passt perfekt zur EM. Vermittelt grundlegendes sehr anschaulich und lesbar.

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Nun könnte man denken: Mensch Andy, Du hast einen Nerdjob (ja, habe ich) und Fußballtaktik ist doch was für Nerds, also muss Dir dieses Buch doch gefallen. Das stimmt so allerdings nicht. Gerade weil mein beruflicher Alltag aus Erbsen zählen besteht, bin ich jemand, der in seiner Freizeit nicht auch noch zu analytisch an manche Dinge herangehen will. Am Fußball fasziniert mich immer noch am meisten, wie er Menschen zusammenbringt und einen Verbindungspunkt schafft. Trotzdem will ich zumindest in Ansätzen verstehen, was warum auf dem Rasen passiert.Ich habe den Aus-Schalter für meinen Kopf noch nicht gefunden.

Für diese Grundlage ist das Buch von Tobias Escher bestens geeignet. Vor allem in den späteren Teilen, die der Autor selbst miterlebt hat, sind die Erzählungen sehr bildlich und die Thesen gut ausgearbeitet und begründet. Aber auch die Darstellung der Taktik noch im 19. Jahrhundert ist amüsant zu lesen. Ein Spiel in der Anfangszeit des Fußballs hätte ich ja zu gerne gesehen.

Mir ist es dabei besonders wichtig zu verstehen, warum Personen welche Handlungsweise an den Tag gelegt haben. Man kann es sich dabei einfach machen und behaupten, dass z.B. Jürgen Klopp ein Autodidakt ist und das Thema abhaken. Tobias Escher stellt allerdings sehr schön dar, wie sich Klopps Spielphilosophie aus seinen eigenen Erfahrungen unter Wolfgang Frank, über seine Zeit in Mainz bis zu den Jahren bei Borussia Dortmund entwickelt hat. Die Entwicklung von Fußballtaktik ist in vielen Fällen an bestimmte Persönlichkeiten (u.a. Sepp Herberger, Hennes Weisweiler) gekoppelt. Ohne die Person zu verstehen, wird man nie nachvollziehen können, auf welchem Fundament die Strategie einer Mannschaft basiert. So setzen manchen Menschen Prinzipen (den „totalen Fußball“) über den Erfolg und manche Menschen würden alle notwendigen Maßnahmen (auch das häßlichste Catennacio) für den Erfolg einsetzen. Persönlichkeiten und Charaktäre werden über Strategie und Taktik einer Mannschaft auf dem Feld abgebildet. Tobias Escher gelingt es sehr gut die Persönlichkeiten der wichtigsten Trainer im Bezug auf die deutsche Fußballhistorie einzufangen und ihre strategische Abbildung auf dem Feld zu beschreiben, ohne sich auf diesen Aspekt zu sehr zu fokusieren.

Von der systematischen Darstellung von taktischen Formationen sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen, denn mit diversen Zahlenkombinationen wie 4-4-2 hat das Ganze eigentlich nichts zu tun. Die Strategie und Taktik einer Mannschaft lässt sich über eine starre Beschreibung der taktischen Formation nicht einfangen. Die Bilder sind dabei nur eine hilfreiche Illustration der schriftlichen Beschreibung. Und wie schon erwähnt, ist diese spannend zu lesen und zudem inhaltlich aufschlussreich und begründet. Zudem ist die Darstellung fokusiert und nicht zu lang. Das Thema bietet unfassbare Möglichkeiten abzuschweifen. In diese Falle ist Tobias Escher nicht getappt. So befürchte ich, dass man sich mit dem Wissen aus diesem Buch bald nicht mehr Abheben kann. Der Geruch der Seiten schreit Standardwerk.