Schocktherapie vs. Besonnener Aufbau der Marktwirtschaft

Leserbrief betreffend des Artikels „Wirtschaftswunder an der Weichsel“ von Thomas Urban Süddeutsche Zeitung Nr.1 von Samstag/Sonntag 2./3.Januar 2010

Thomas Urban beschreibt in seinem Artikel die positiven Auswirkungen einer ökonomischen Schocktherapie in Polen. Die positive wirtschaftliche Situation in Polen lässt sich dabei nicht bestreiten. Nur die Darstellung wie es dazu kam, ist meiner Ansicht nach inkorrekt.

Die Darstellung, der damalige polnische Finanzminister Balcerowicz habe eine Schocktherapie angewandt, kann so nicht bestätigt werden. Wenn Polen eine Schocktherapie angewendet hätte, dann wären die Resultate wohl kaum so erfolgreich, sondern ähnlich denen in Russland gewesen. Angesehene Ökonomen wie Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bestreiten, dass Polen überhaupt eine Schocktherapie angewendet hat. So begann Polen zwar die Hyperinflation mit schocktherapeutischen Mitteln zu bekämpfen, änderte sein Vorgehen aber relativ schnell. Nachdem Polen zwar erkannte, dass man mit schocktherapeutischen Maßnahmen die Inflation bekämpfen konnte, diese aber nicht dazu beitrugen, generelle gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, änderte die polnische Regierung ihren Kurs. Sie ging nach der Eindämmung der Inflation dazu über die Privatisierung nur langsam voranzutreiben und achtete darauf Grundinstitutionen der marktwirtschaftlichen Ordnung aufzubauen. Dadurch gibt es in Polen ein funktionierendes Bankensystem, welches für die Vergabe von Krediten zuständig ist und ein Rechtssystem, welches auf die Einhaltung von Verträgen achtet. So kam es in Polen zu breiterer demokratischer Unterstützung der Reformen und niedrigerer Arbeitslosigkeit.

Auch die Ablehnung des freien Handels von Immobilien steht für diesen sanften Kurs. In Ländern, deren Regierungen eine Schocktherapie angewandt hatten, wären der Immobilienhandel wohl schneller realisiert worden. Natürlich sind Polen dadurch kurzfristig Investitionen entgangen. Nur wurde damit auch verhindert, dass Immobilien billig verkauft wurden, in einer Zeit, in der auf Grund der Inflationsbekämpfung, die eigene Währung nicht stabil war. Immobilienspekulationen und Bereicherungen auf Kosten der polnischen Bevölkerung konnten so wirkungsvoll verhindert werden. Die Immobilienverkäufe ließen sich später immer noch liberalisieren, als die Währung stabil war.

Als generelles Urteil lässt sich daher erkennen, dass Polen innerhalb der letzten 20 Jahre eine bewundernswerte wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht hat. Allerdings geht diese Entwicklung aus ökonomischer Sicht nicht auf eine Schocktherapie der damaligen polnischen Regierung zurück, sondern auf das besonders besonnene Vorgehen dieser Regierung. Dieses muss in Anbetracht des Drucks von wirtschaftlichen Institutionen wie des IWF besonders hervorgehoben werden. In den Zeiten der Finanzkrise zeigt sich, dass man mit wirtschaftlichen Aufbau und der Stützung marktwirtschaftlicher Institutionen langfristig Erfolg haben kann. Rücksichtslose Deregulierung und Privatisierung im Rahmen einer Schocktherapie können ohne den Aufbau marktwirtschaftlicher Institutionen zu vielen negativen Folgen, wie hoher Arbeitslosigkeit, ansteigender Armut und ungerechterer Verteilung der Einkommen führen.

(Zum Vergleich: Joseph Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung, 2002,BpB, Bonn, S.209ff. )

2 Gedanken zu „Schocktherapie vs. Besonnener Aufbau der Marktwirtschaft“

  1. Folgende Antwort habe ich zu meinem Leserbrief über XING schon am 07.01.2010 bekommen:

    Hallo Herr Riedl,

    vielen Dank für Ihren Beitrag, Sie haben ein spannendes Thema gewählt.

    Ich schätze, die Frage, ob die Vorgehensweise in Polen als Schocktherapie bezeichnet werden kann oder nicht, wird unbeantwortet bleiben müssen. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass der Begriff Schocktherapie doch recht ungenau ist. Welche Kriterien muss Ihre Meinung nach eine Schocktherapie erfüllen?

    Die Medaille hat zwei Seiten. Natürlich ging Leszek Balcerowicz bzw. die gesamte Regierung von Tadeusz Mazowiecki sehr besonnen und wohl überlegt vor. Dennoch: sie sind ein großes Risiko eingegangen, denn vor ihnen hat noch keiner einen Umbauprozess von einer Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft durchgeführt. Sie suchten nach Lösungen, die vernünftig erscheinen, ohne jegliche Garantie dafür, dass das gewünschte Ergebnis auch eintritt. Das gesamte Reformpaket, zig Gesetze, die das System von den Kopf auf die Füße stellen sollten, wurden innerhalb von 10 Tagen (17 bis 27 Dezember 1989) beschlossen und traten am 1.1.1990 allesamt in Kraft. Die Bevölkerung stand in Folge dessen unter Schock, auf ein mal war alles anders. Und es war nicht einfach, dies zu verkraften, vor allem, wenn man nicht versteht, was eigentlich vor sich geht. Und für eine ausführliche und breit angelegte Aufklärungskampagne bzw. eine öffentliche Debatte darüber, was und warum die Regierung macht, gab es einfach keine Zeit. Die Menschen wachten eines Morgens in einer anderen Welt auf und mussten sich diese neu aneignen. In diesem Sinne war es eine Schocktherapie.

    Viele Grüße

    Bozena Meske

    P.S. Schauen Sie unter
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    es ist eine sehr schöne Beschreibung dieser Zeit 😉

  2. Hier nun noch meine Antwort vom 19.02.2010, die ich über XING veröffentlicht habe:

    Hallo Frau Meske,

    ich stimme Ihnen bezüglich ihrer beiden Argumente zu:

    – Für den Begriff Schocktherapie gibt es keine vollständige Definition. Der Begriff ist von der Bedeutung her nicht ohne Gefahr auf Missverständnisse zu gebrauchen.

    – Die ersten Handlungen zum 01.01.1990 hin waren in Polen sicher schocktherapeutisch. Dies haben weder ich noch Joseph Stiglitz in seinem interessanten Buch bestritten.

    Trotzdem möchte ich gerne kurz auf die ökonomischen Hintergründe eingehen. Aus der ökonomischen Perspektive heraus wird von einer Schocktherapie gesprochen, wenn ökonomische Reformen so schnell durchgeführt werden, dass parallel dazu keine marktwirtschaftliche Infrastruktur geschaffen werden kann. Das Tempo der marktwirtschaftlichen Deregulierung ist so hoch, dass der Aufbau der marktwirtschaftlichen Institutionen (Bankensystem, Regulierungsbehörden, Gesetzgebung, etc.) nicht Schritt halten kann. Bei einer Schocktherapie wird dabei nur darauf gehofft, dass diese Deregulierung und Privatisierung für ein hohes Wirtschaftswachstum sorgen wird. In der Praxis war allerdings zu beobachten, dass auf Grund dieser Entfesselung die Marktmacht von vielen Unternehmen gestiegen und auf diesem Wege die Gesamtwohlfahrt gesunken ist.
    In Polen kann im Gegensatz dazu beobachtet werden, dass im Anfangsstadium sehr wohl viele schnelle Gesetze erlassen wurden, die einer Schocktherapie gleichen. Im Nachgang dazu, wurde dann aber etwas gebremst. Es wurden behutsam die notwendigen marktwirtschaftlichen Institutionen geschaffen und nicht alle Märkte direkt freigegeben. Der Autor des SZ-Artikels bemängelt, dass durch die verzögerte Freigabe des Immobilienmarkts Milliardeninvestitionen verloren gegangen wären. Allerdings waren es gerade solche Maßnahmen, die es der polnischen Wirtschaft erlaubt hat sich behutsam zu entwickeln, ohne dass sich Investoren viele Schmuckstücke unter Wert einverleibt hätten.

    Aus der ökonomischen Analyse kann man in der kurzen Anfangszeit sicher von schocktherapeutischen Maßnahmen sprechen, die allerdings dann in einen behutsamen marktwirtschaftlichen Aufbau gemündet haben. Außer nunmehr 20 Jahren Abstand kann man nicht nur die 10 Tage Gesetzgebung vor dem Jahreswechsel 1989 betrachten, sondern muss noch weitere Maßnahmen mitbewerten.

    Leider konnte ich die von Ihnen vorgeschlagene Webseite zu dem Thema nicht lesen, da ich des polnischen leider nicht mächtig bin.

    Viele Grüße
    Andreas Riedl

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