Sportbuch 12/2016: Der Weg ist das Ziel – warum man auch verlieren können muss

In diesem Jahr gab es ein Buch, dass bei mir durch die Thematik und den Autor sehr viel Vorfreude ausgelöst hat. Holger Gertz schreibt seit vielen Jahren für die Süddeutsche Zeitung und ich habe mir schon Seite 3 Reportagen von ihm abgerissen, um diese sicher zu verwahren. Seine Arbeiten zu Kurt Landauer sind mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Allerdings hat es die Süddeutsche Zeitung bei uns nicht mehr regelmäßig geschafft, die Zeitung pünktlich auszuliefern. Unser Wochenendabo haben wir daraufhin gekündigt. Wenn mir ab und zu dennoch ein Text von Holger Gertz in die Finger gekommen ist, habe ich mich gefreut, denn Holger Gertz hat einen ausgeprägten Blick fürs Detail und verpackt seine Beobachtungen sprachlich sehr gekonnt. Als ich mitbekommen habe, dass Holger Gertz ein Buch zusammengestellt hat, war ich daher sehr erfreut. Das Thema des Buchs ist dazu aus meiner Sicht ein Volltreffer. Das Buch trägt den Titel Das Spiel ist aus: Geschichten über das Verlieren. Im Sport gibt es kaum etwas interessanteres, wie es zu Niederlagen kommt und wie Menschen damit umgehen. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich schwieriger ist mit Niederlagen umzugehen, aber das Thema ist mindestens genau so spannend, wie Gewinner und ihre Siege zu betrachten. 

 

Nun darf man bei dem Buch keine falschen Vorstellungen haben. Holger Gertz hat vorher schon veröffentlichte Reportagen, die zum Motto des Buchs passen, zusammengefasst. Er will auch keinen Gesamtüberblick über die Thematik geben oder erhebt Anspruch auf Vollständigkeit. Er hat die Geschichten in gewisse Kategorien einsortiert; die Sortierung habe ich nicht verstanden. Die Interpretation der Geschichten bleibt zudem jedem selbst überlassen. Holger Gertz beschreibt, was er selbst sieht. Er ist sehr dezent, wenn er seine Beobachtungen eine Geschichte zuordnet. Diese muss sich aus den Fakten und Ereignissen im Zweifel selbst ergeben. Entsprechend verfügt das Buch über keinen roten Faden. Zudem wirken einige der anfänglichen Reportagen wie „Goleadors Erbe“ über das Leben des Hans Krankl nach Cordoba oder „Zettels Traum“ über das Wirken von Rolf Töpperwien banal und unbedeutend. 

Das Buch schafft es allerdings in der Mehrheit der Reportagen zu verzaubern oder zu rühren. Geschichten wie „Lebenslauf“ über den amerikanischen Sprinter Marty Glickman sind eine lebendige Warnung dem Antisemitismus keinen Fußbreit Platz zu lassen. „Tor in Pjöngjang“ über Marcel Reifs Reise nach Nordkorea, „Celle, angolanisiert“ über den Aufenthalt der angolanischen Nationalmannschaft 2006 in Celle und „Sechster Ring aus Sachsen“ über das Auftreten der Bundeslands Sachsen bei den Winterspielen in Turin entführen in Parallelgesellschaften. „Heldendämmerung“ über das Leben des WM-Helden von 54 Werner Kohlmeyer, „Morgengrauen“ über die persönliche Geschichte der Schwimmerin Karen James bei den olympischen Spielen 1972 und auch „Ende Legende“ über das Karriereende von Franziska van Almsick zeigen auch wie erfolgreiche Personen an Druck scheitern können und stellen Warnungen dar. Holger Gertz würde diese Geschichten nie als Warnung beschreiben, dennoch habe ich früh gelernt, lieber aus den Fehlern anderer zu lernen als aus eigenen. Der genaue Blick von Gertz auf Details kann als Empathie missverstanden werden, wo er doch die Geschichten nur ausbreitet und dem Leser das Urteil überlässt. Mich ergreift das. Die sprachliche Gewandheit von Gertz ist beeindruckend, wobei er sich in Phasen etwas zu sehr verliert. Man möchte im dann vom Spielfeldrand zurufen: „Einfachheit ist Trumpf. Verdribble dich nicht.“. Dennoch sind auch diese Passagen, wie so manches Dribbling in der Realität, schön anzusehen, wenn sie schon keinen Mehrwert bieten. 

Ich jedenfalls habe das Buch gerne gelesen und bin froh, manche der Reportagen auch in der Zukunft nochmal nachlesen zu können. Auf diesem Wege geht so manche eindrucksvolle Geschichte nicht verloren. 

Mit diesem Buch endet mein Sportbuchjahr 2016. 12 Sportbücher habe ich euch über das Jahr hinweg vorgestellt. Welches hat euch am besten gefallen, welches habt ihr selbst gelesen? Soll es weitergehen? Wir werden was 2017 für uns bereithält. 

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