Albumreview: Antilopen Gang – Aversion

Immer wieder hoffe ich bei deutschen Hip Hop Künstlern etwas neues zu hören, bei dem mich auch die Texte inhaltlich überzeugen. Oftmals ist das Ganze platt und unglaubwürdig oder macht zu sehr auf dicke Hose. Eine wirkliche Entdeckung in dieser Hinsicht war dieses Jahr die Antilopen Gang. Diese haben Ende 2014 ihr Album mit dem Titel  Aversion veröffentlicht und gehen damit nun steil. Ausverkaufte Konzerte auf ihrer Tour sind ein gutes Indiz dafür, dass die Jungs wirklich was drauf haben. Nun gibt es die Gruppe schon seit einigen Jahren, aber erst vor kurzem habe ich mich näher mit ihrer Kunst auseinandergesetzt. Über das Album kann ich daher folgendes berichten:

„Die neue Antilopen Gang“ ist ein Einstiegssong, der humorvoll auf die Schippe nimmt, dass die Jungs jetzt kommerziell arbeiten und nur noch auf die Kohle aus sind. Hier zeigt sich gleich, welcher Humor sich hier verbirgt. Mir wird klar, das man ordentlich zum Schmunzeln kommt, wenn das Ganze so weiter geht. „Der goldene Presslufthammer“ ist ein Songtitel der Aufmerksamkeit erregt. Der Song ist dann nachdenklicher. Er erschließt sich nicht beim ersten Hören und hat etwas kryptisches. So gibt es Spielraum für eigene Interpretationen, was ich in einem gewissen Rahmen sehr gerne mag.

 „Ikearegal“ startet danach mit einem schönen Pianosample. Der Inhalt des Songs ist dann nicht mehr schön sondern bestens vorgetragene Mainstream-Kritik. Die Aussagen sind deutlich und nicht misszuverstehen. Danke dafür! „Verliebt“ zeigt dann, dass nicht alle Rapper nur auf dicke Hose machen und ein Frauenbild aus der Steinzeit haben. Die Antilopen Gang will sinnvolle Gespräche führen und hat Angst vor dummen Aussagen, die verhindern, dass sie sich verlieben. Ein Titel direkt ins Herz. Mit „Outlaws“ legen die Antilopen danach direkt die nächste hohe Latte. Sie wollen gar nicht dazugehören, sondern sind aufgewachsen als Außenseiter und haben sich mit ihrer Rolle angefreundet. Ich kann mich mit diesen Gefühlen identifizieren und erinnere mich an meine Jugend.

Auch in „Chamäleon“ geht es wieder um Anpassung. Wenn die Antilopen sagen „Es gibt keinen Grund diesen Leuten zu gefallen“, finde ich das großartig und feiere das ab. „Ibiza“  ist danach ein krasser Steigerungslauf, der eine Anpassung simuliert. Komplett hören und feiern! „Trümmermänner“ schlägt dann wieder kryptischere, nachdenklichere Töne an. Nach einigen deutlichen Tracks eine starke Abwechslung. Danach folgt mit „Beate Zschäpe hört U2“ der wohl bekannteste Hit der Gang. Dieser beschäftigt sich mit den rechten Tendenzen in der deutschen Gesellschaft und legt den Finger tief in die Wunde. Zeitgeist auf dem Höhepunkt.

„Anti alles Aktion“ ist ein Song in guter Punk-Tradition. Auf einem Hip Hop Album. Schnell und energiegeladen gefallen mir Textzeilen wie: „Wir hatten uns nicht vorgenommen jemals auf die Welt zu kommen und trotzdem ist es irgendwie passiert“. „Enkeltrick“ wählt sich als Thema den Betrug von Rentnern, die hilflos den Unterschied zwischen echten Anliegen und Abzocke nicht mehr erkennen. Beat und Text passen gut. Ernstes Thema ansprechend verarbeitet. „Chamäleon 2“ warnt wieder vor Anpassung „… es gibt keinen Grund diesen Leuten zu gefallen.“ und „Gib kein Fick auf Vernunft“. Daumen hoch. In „Beton“  zeigt die Gang, wie es sich anfühlt keinen Zugang zur Natur zu haben. Starkes Thema mit Antilopenhumor angepackt. Ich hoffe viele Menschen blicken hinter die Betonfassade. „Déja Vu“ hat dann mit dem täglichen Trott auch ein ernstes Thema. Das Ganze klingt etwas eintönig, aber Meckern muss man hier auch auf sehr hohem Niveau. „Unterseeboot“ ist dann das kryptische Ende dieses tollen Albums. Metaphern bis zum Abwinken und die Hoffnung, dass die Antilopen Gang die Kombination von Leichtigkeit und Reflexion nicht verlieren wird, die dieses tolle Album geprägt hat.

Aversion ist das beste deutsche Hip Hop Album seit langem. Die Jungs touren durch das Land und ich halte die Augen auf, um sie live zu sehen. Bin doch recht angefixt und gespannt, was von ihnen in der Zukunft noch kommt. Ging mir lange nicht mehr so. Fühlt sich gut an.