Die sternenklare Nacht von Rio

Nach einem Abend wie gestern, an dem außerordentliche deutsche Fußballer wie Philip Lahm und Manuel Neuer unglücklich im DFB-Pokalhalbfinale gescheitert sind, macht es besonders viel Freude ein paar Monate zurück zu blicken. Fußballweltmeisterschaften finden nur alle 4 Jahre statt. Auch ich fiebere alle Jahre wieder auf die WM hin. Während des Turniers baut sich dann so langsam die Spannung auf. Wir Deutschen überleben meist die Gruppenphase und können uns im Achtelfinale durchsetzen. In Brasilien ist es aber schon hier sehr spannend geworden und die Partien gegen Ghana und Algerien haben zumindest bei mir doch die Nerven ordentlich beansprucht. Nach dem Sieg gegen Frankreich, der vor allem fürs Selbstvertrauen einen Schub gab, folgte im Halbfinale der historische Höhepunkt gegen Brasilien. Welch ein Beweis der fußballerischen Stärke. Im Finale wartete Argentinien und auf einmal waren wir Favorit. Was in Rio de Janiero dann folgte, kann man sehr schön nacherleben, wenn man das Buch One Night in Rio genüsslich Seite für Seite durchblättert.

Wurde zwischendurch abgelenkt. Schöne Bilder einer unvergesslichen Nacht. #DFB #VierterStern

Ein von Andreas Riedl (@andyriedl) gepostetes Foto am

Paul Ripke heißt der Fotograf, dem es erlaubt war, unsere Jungs in dieser Zeit zu begleiten und viele schöne Bilder dieser einmaligen Momente zu schießen. Natürlich ist ein Bild von Mario Götze dabei, in dem Moment, als ihm Jogi Löw die letzten Instruktionen für die entscheidenden Momente seiner Karriere mit auf den Weg gab. Mein Highlight kommt wenige Seiten später als ein Foto Miroslav Klose kurz nach Abpfiff alleine auf der Reservebank zeigt, bevor er wenig später mit Tränen in den Augen auf den Platz tritt. Berührend sind auch die Bilder aus der Kabine, die einen Einblick in diesen geschüzten Bereich einer Mannschaft geben. Auf den weiteren Seite werden Eindrücke von Feierlichkeiten in Rio oder Berlin gezeigt, die eine sehr gelöste Stimmung und großen Stolz auf das Geleistete vermitteln.

Insgesamt macht das Bilderbuch von Paul Ripke eine Menge Spaß und ruft die Nacht des vierten Sterns von Rio zurück ins Gedächtnis. Einziges Manko des Buchs ist es wohl, dass nur das Finale fotografisch aufgearbeitet wurde. Eindrücke vom ganzen Turnier wären schön gewesen, müssen aber aus anderen Quellen bezogen werden. Ich werde in so manchem Moment das Buch wieder zur Hand nehmen und mich erinnern, wie ich selbst ungläubig den Titelgewinn vor dem Fernsehr erlebt habe. Auch nach zwei (im Vergleich) unbedeutenden DFB-Pokalhalbfinals.

Über Schlüsselspieler, denen Jogi Löw einen Schubs gegeben hat

Seit Juli 2006 ist Jogi Löw als Bundestrainer für die Nationalmannschaft verantwortlich. Seitdem hat er in vier Turnieren immer das Halbfinale oder Finale erreicht ohne jedoch einen Titel zu gewinnen. Und so kam nun vor der WM in Brasilien die Diskussion auf, ob Deutschland mit Jogi überhaupt jemals einen Titel gewinnen könnte. Wenn man sich seine Amtszeit bisher in Ruhe betrachtet, dann sollte man diese Diskussion schnell wieder beenden.

Jogi Löw schafft es immer wieder, dass die deutsche Nationalmannschaft schönen Fussball spielt und dabei sogar noch recht erfolgreich ist. Zudem hat er eine Nase dafür deutsche Talente zu entwickeln. Im Gegensatz zu anderen Nationen (z.B. England) reifen deutsche Spieler auch wegen der Nationalmannschaft zu großen Spielerpersönlichkeiten und nicht trotzdem. Es gibt wohl niemanden der behaupten würde, dass Gerrard, Rooney oder Lampard (in meinen Augen alle drei absolute Ausnahmespieler) ihre besten Spiele in der Nationalmannschaft gemacht hätten. Jogi Löw dahingegen schafft es immer wieder, dass einige der deutschen Spieler in der Nationalmannschaft ihren Leistungszenit erreichen. Die wichtigsten Spieler, bei denen Löw die Entwicklung entscheidend befördert hat (und die auch unter ihm debütiert haben), sind:

  • Manuel Neuer: Debütierte nur ein Jahr vor der WM 2010 unter Löw. Wurde nach der Verletzung von Rene Adler 2010 Stammkeeper und entwickelte sich auch Dank Löw zu einem Weltklassespieler. Die Nr. 1 in der Nationalmannschaft hat hier sicher nicht geschadet und Löw hat auch in Schwächephasen und trotz Neuers manchmal risikoreichem Spiel immer zu ihm gehalten. Auch wegen Löw Welttorhüter.
  • Jerome Boateng: Auch Jerome Boateng wird immens durch den Bundestrainer gefödert. Beim FC Bayern München war er in den letzten Jahren nicht immer eine feste Größe. Er wirkt manchmal hölzern in seinen Aktionen und lässt sich an einem schlechten Tag auch mal von seinem Gegenspieler ausspielen. Jogi Löw vertraut Boateng aber so sehr, dass er ihn sogar gestandenen Rechtsverteidigern vozieht, wenn innen gerade kein Platz ist. Über die internationale Erfahrung mittlerweile sowohl bei Bayern als auch in der Nationalmannschaft extrem wertvoll.
  • Sami Khedira: Sami Khedira debütierte noch nach Manuel Neuer in 2009 und hat mittlerweile in der Nationalmannschaft den Status eines absoluten Führungsspielers. Auch er wechselte wie Mesut Özil nach der WM 2010 zu Real Madrid und konnte sich dort nach einer gewissen Eingewöhnungsphase durchsetzen. Für Sami Khedira hat Löw 2014 eine Ausnahme gemacht und ihn trotz fehlender Spielpraxis für die WM nominiert. Löw’s Aggresive Leader und auch für Real Madrid mittlerweile ein wertvoller Rückhalt.
  • Mesut Özil: Löw hat Özil das erste Mal nominiert, als er noch für Werder Bremen spielte. Auch dank einer tollen WM 2010 bekam Özil die Möglichkeit zum Wechsel nach Madrid, wo er sich auf absolutem Weltklasseniveau etablierte. Nach einer etwas schwächeren Saison bei Arsenal baut Löw in der Nationalmannschaft weiter auf Özil und versucht ihn zu alter Stärke zurückzuführen. Die sensible Offensivkraft wird es ihm hoffentlich mit einer erneuten Leistungsexplosion danken.
  • Thomas Müller: Beim FC Bayern München spielt Müller neben Ausnahmekönnern wie Arjen Robben oder Franck Ribery. In der Nationalmannschaft gibt es zwar auch viel offensives Talent, aber dort zeigt sich immer wieder, welch ein außerordentlicher Spieler Müller ist. Jogi holte Müller früh zur Nationalmannschaft und machte ihn auch durch das Vertrauen bei der WM 2010 zu dem, der er heute ist: Deutschland’s vielseitigster und kaltschnäutzigster Offensivwaffe.

Bei anderen Spielern wie Mats Hummels, Mario Götze oder Toni Kroos ist die lenkende Hand nicht in dieser Form erkennbar und die Spieler haben bisher auf Vereinsebene mehr überzeugt als in der Nationalmannschaft. Sie haben nun bei dieser WM die Chance sich in den Vordergrund zu spielen. Bei Andre Schürrle ist es für ein abschließendes Urteil wohl noch zu früh, auch wenn der Bundestrainer ihn stark fördert und eine hohe Meinung von ihm hat. Allerdings konnte er sich in seinen Vereinen bis dato nicht wirklich durchsetzen bzw. zum Leistungsträger werden. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker und Miro Klose bilden eine gesunde Achse von Führungsspielern, die Jogi Löw von Jürgen Klinsmann übernommen hat. Weitere Spieler wie Stefan Kießling, Gonzalo Castro oder unlängst Marcel Schmelzer haben darunter gelitten, dass sie sich in der Nationalmannschaft nicht durchsetzen konnten bzw. nicht in Löws System passten.

Was allerdings in diesem Zusammenhang deutlich werden sollte, ist, dass der Bundestrainer sich eine eigene Meinung hinsichtlich seiner Spieler bildet und nicht nur an manchen Stellen evtl. im Weg steht (momentane Debatte zu Großkreutz) sondern auch sehr gezielt positiv einwirkt. Die Nationalmannschaft hat unter ihm auf Spielerebene noch an Attraktivität gewonnen, denn die Jungs wissen sehr wohl, dass Löw der Karriere einen Schubs geben kann. Vor Klinsmann gab es das in der Nationalmannschaft selten und gepaart mit der taktischen Analysefähigkeit im Zweifel noch nie. Auch wenn Jogi Löw in Brasilien nicht gewinnen sollte, so hat er doch durch die Entwicklung der einzelnen Spieler eine Basis für die kommenden Jahre gelegt und kann hoffentlich später die Lorbeeren ernten. Mir ist nicht Bange hinsichtlich der Entwicklung der Nationalmannschaft und hoffe Jogi Löw treibt die Entwicklung noch weiter voran.

Wie unsere Jungs zurückgeben

Letztes Wochenende habe ich in der Süddeutschen Zeitung den Artikel von Anna Günther mit dem Titel „Ein Mann will nach oben“ gelesen. In dem Artikel geht es um Bruder Konrad, der sich als Eremit von der Welt abgewandt hat, um an einem Wallfahrtsort in der Natur zu leben. Bruder Konrad war in seinem früheren Leben Bayern-Fan, hat aber seit Jahren kein Bayern-Spiel mehr gesehen. Der Grund für Ihn: „Es ist skandalös, wie viel die verdienen. Dabei gibt es so viel Elend in der Welt,“ Ich bin mir sicher, dass Bruder Konrad an seinem Wallfartsort effektiv gegen das Elend in der Welt vorgeht, aber auch viele Fußballer lassen sich nicht lumpen und haben haben durch die große Öffentlichkeit viele Möglichkeiten auf Mißstände aufmerksam zu machen.

Kurz vor dem ersten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft bei der WM in Brasilien habe ich mir den aktuellen Kader angeschaut und bin begeistert in welchem Ausmaß die Jungs soziale Verantwortung übernehmen, ohne dass Sie hierzu verpflichtet wären und obwohl sie alle viele Steuern bezahlen. Vier Spieler stechen im aktuellen Kader besonders hervor, denn sie haben ihre eigenen Stiftungen gegründet:

  • Philipp Lahm Stiftung: Förderung benachteiligter Jugendlicher in den Bereichen Sport und Bildung in Deutschland und Südafrika
  • Per Mertesacker Stiftung: Förderung von sozial benachteiligten Kindern über den Sport in der Region Hannover
  • Neuer Kids Foundation: Unterstützung notleidender Kinder und Jugendlicher in Deutschland mit Schwerpunkt Ruhrgebiet
  • Lukas Podolski Stiftung: Förderung des Sports, der Jugendhilfe, der Bildung, der Völkerverständigung sowie zur Unterstützung hilfsbedürftiger Personen

Auch andere aktive Nationalspieler engagieren sich. Roman Weidenfeller ist für die RoterKeil Stiftung aktiv. Jerome Boateng ist Botschafter für die Deutschlandstiftung Integration, Schirmherr und Mitgründer von Mitternachtssport e.V. und Pate der Stiftung Unesco. Kevin Großkreutz ist Botschafter der Solidarfonds Stiftung NRW. Thomas Müller ist Botschafter der Young Wings der Nicolaidis Stiftung. Julian Draxler trägt seinen Teil zur Christoph Metzelder Stiftung bei. Mario Götze engagiert sich für die Bundesliga Stiftung und ist Botschafter für Plan Deutschland. Andre Schürrle trägt sein Scherflein bei der Egidius Braun Stiftung bei genau wie Bastian Schweinsteiger bei der Per Mertesacker Stiftung, Miro Klose engagiert sich für das Ronald McDonald Haus in Homburg.

Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und es wurde wie erwähnt nur der 23er Kader für die WM in Brasilien betrachtet. Insgesamt doch recht eindrucksvoll, was die Jungs in ihren jungen Jahren schon anpacken. An Christoph Metzelder sieht man, dass das Engagement nicht mit der Karriere enden muss. Herzlichen Dank an alle Spieler für ihr ehrenamtliches Engagement. Ich würde sie auch ohne dieses Engagement anfeuern, aber das macht die Jungs nochmal sympathischer. Na Bruder Konrad, immer noch keine Lust mitzujubeln?