Neue Musik 03/2017: Deutscher Rap lebt

Es ist mal wieder viel los. Viele Dinge passieren. Ich habe viel Musik gehört. Künstler, die mir vorher so noch nicht bekannt waren. Viel deutscher Rap in seinen unterschiedlichen Facetten. Und während mich Sido nachhaltig beschäftigt, den ich nun aber niemandem mehr ausführlich vorstellen muss, gibt es viele Newcomer oder Durchstarter, die hörenswert sind und bei mir die Gehörgänge blockierten. Sido hat wieder einen aufregenden Newcomer am Start. Easy Living ist Estikays Botschaft. Er fokussiert sich auf die positiven Momente im Leben, von denen es bei ihm gerade viele gibt. Wenn ich ihn höre, nehme ich mir selbst vor, mehr das Gute im Leben zu sehen: 

MC Sadri teilt mit Estikay den Einfluss von Samy Deluxe, der bei Estikay im Intro auftaucht. Sadris Album wurde von Samy komplett produziert. Die Musik ist diffuser und die Nachrichten komplexer. Es hat mich trotzdem gefesselt, ich habe es allerdings noch nicht komplett entschlüsselt. Sadri ist eher etwas für die Abende in der Dämmerung. 

Richtig düster, kritisch, ernsthaft und verkopft wird es spätestens bei Disarstar. Frühreif und weise für sein Alter kommt dieser Klugscheißer rüber. Hier hat sich jemand vorgenommen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Es ist ihm gelungen. 

Sookee passt auch vieles nicht, sie verpackt es aber mit mehr Humor. Man wippt mit für die Ehe für alle und freut sich, wie intelligent ihre Botschaften sind. Manche Tracks werden dauerhaft bei mir hängen bleiben: 

Beschweren, darf man sich nicht, dass deutscher Hip Hop an Anspruch verloren hätte. Es enstehen wieder viele aufregende Platten. Mal schauen, wo die nächste Überraschung lauert. Jemand Tipps?

Wie Gregor Meyle in eine Paralleldimension entschwebte

Mir ist vor kurzem das aktuelle Album Die Leichtigkeit des Seins von Gregor Meyle in die Hände gefallen. Ich mag dessen Musik manchmal sehr gerne und habe mich auch schon mit seinem letzten Werk beschäftigt. Dem ist diesmal nicht so. Mit vielen Streichern (Alles wird gut) und mit Popbeats (Da geht noch mehr) ist die Botschaft immer positiv. Es geht darum Tage zu genießen, mit Menschen zu verbringen, die einem wichtig sind und das Beste aus dem zu machen, was einem das Leben gibt. 

Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch, aber in der Gesamtheit holt mich diese Musik im Moment nicht ab. Wo sind die Tiefen im Leben, die die Höhen erst zu diesen machen? Es ist gut möglich, dass es Menschen gibt, die genau diese weichgespülten Lieder von Gregor Meyle als sein bestes Werk feiern, nachdem sie ihn in der Helene Fischer Show „entdeckt“ haben. Diese werfen einem vielleicht dazu noch eine Textzeile von Gregor entgegen: 

„Hör auf dich zu beklagen, hör nie auf zu lieben, so weit, so gut.“ 

Das geht aber gerade nicht. Ich mache mir Sorgen, wohin sich dieses Land und diese Welt bewegen. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer und bewirkt gerade, dass diese Tendenzen überhaupt auftreten. Es gibt einen relevanten Anteil an Menschen, die an einfache Lösungen glauben und die Komplexität der Welt nicht wahrnehmen. Und während Gregor Meyle, die Wahrheit noch nicht akzeptieren kann (Die Tapfere). höre ich auf das beste Lied seiner Platte und pack mein Scheiß. Nehme meinen Hut und höre wieder Musik, die mich mehr mitnimmt. Leute, die den Kampf annehmen. Leute wie Laas Unltd

Es wird wieder dunkler. Ich habe das zuerst auch nicht wahrhaben wollen. Jetzt begleitet mich dieser Gesamteindruck, auch mit der Musik durch die Tage. Und vielleicht trifft man an einer späteren Kreuzung des Lebens Gregor Meyle wieder und tauscht Erfahrungen aus.

Raus aus dem Underground – Wie auch ich Audio88 & Yassin aus dem Schatten zerre

Hip Hop. Musik meiner weniger melancholischen Phasen. Witzig, provokant, hoffentlich mit dem Beat voll auf die Fresse. Manchmal auch tiefsinnig und nicht leicht zu durchschauen. Auch wenn ich mit den Beginnern meine Jugend verbrachte und auch Ahnma gerade sehr verehre, stillt das den Durst doch nicht. Was soll man denn während den Jahren machen, wenn die werten Herren nichts auf den Markt werfen? Gott sei Dank gibt es Antworten auf diese Frage…

Ich will doch auch dann nur normale Musik hören. Während Bands wie K.I.Z. in den letzten Jahren zu großer Bekanntheit gekommen sind, gibt es immer noch viele Künstler, die weniger bekannt sind, das vielleicht auch ganz gut so finden, aber trotzdem cooles Zeug am Start haben. Bei Audio88 & Yassin bin ich hier nun zuletzt hängengeblieben. Die Berliner Rapper haben letzen Monat ihre neue Platte Halleluja veröffentlicht und das Ding rockt ordentlich. Provokant und aggressiv. Genug von beidem, um Leute effektiv abzuschrecken. Aber wehe man schaut hinter die Fassade: intelligente Texte und musikalischer Einfallsreichtum springen einem entgegen.

Und nachdem richtig und falsch immer im Auge des Betrachters liegen und man ruhig mehr über Dinge nachdenken darf, freue ich mich über diese beiden Provokateure. Dabei sind die beiden Charaktere unterschiedlich, ergänzen sich aber sehr gut. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die nächsten Werke. Mit diesen 8 Tracks kommen wir nämlich nicht weit. Das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein, oder?

Albumreview: Joey Bada$$ – B4.DA.$$

Aufgewachsen bin ich mit deutschem Hip Hop. Freundeskreis und die Absoluten Beginner waren die Helden meiner Jugend. Mit englischsprachigem Hip Hop habe ich mich erst später ernsthaft auseinandergesetzt. Mittlerweile höre ich sehr gerne auch englischsprachigen Hip Hop und habe hier u.a. über das letzte Album von 50 Cent oder Atmosphere berichtet. Im Moment läuft wieder eine englischsprachige Platte auf dem Weg zum Training, bei Fahrten durch die Dunkelheit und auf dem Heimweg Richtung Frankfurter Skyline: Joey Bada$$ hat sein Debutalbum B4.DA.$$ veröffentlicht und genau in diesen Situationen gefällt mir das Album. Wenn die Nacht über Frankfurt hereinbricht, dann kann ich dieses Album sehr gut hören.

Die Musik besticht mit ihren ruhigen Passagen. Schon im ersten Track „Save the Children“ ist der Beat recht langsam und man kann Joey Bada$$ sehr gut zuhören. Dabei beeindruckt er nicht nur mit den musikalischen Komponenten seiner Musik sondern auch mit für mich kryptischen Texten. „Paper Trails“ ist hierfür nur ein Beispiel. Wer Partyrap oder nur dicke Hose erwartet hat, ist hier definitiv falsch. „Piece of Mind“ ist ein weiteres Stück, welches einem einige Happen zum Nachdenken hinwirft und dazu noch hervorragend klingt. „Black Beetles“ und „Like me“ gehen auch in diese Richtung:

Joey Bada$$ – Like Me from Nathan R. Smith on Vimeo.

Manche Tracks haben etwas düsteres und vermitteln den Eindruck, als ob man mit Joey Bada$$ gerade durch die Straßen läuft. „Hazeus View“ fällt genauso in diese Kategorie wie auch „No. 99“. „Big Dusty“ ist so ein Ding, wo Aggression und eine gewisse Dynamik den Lyrics eine ganz besondere Kraft verleiht:

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Joey Bada$$ ‚BIG DUSTY‘ (FTTF Live Performance) from Lemonade Money on Vimeo.

Das Album ist dabei insgesamt sehr vielschichtig. Es gibt auch Songs, bei denen ich mich ganz hervorragend konzentrieren kann. „Belly of the Beast“ oder „Christ Conscious“sind Stücke, bei denen ich meine innere Mitte finde:

JOEY BADA$$: CHRIST CONSCIOUS from Creative Immortal on Vimeo.

In anderen Tracks wie „On & On“ wird Joey Bada$$ persönlich und spricht über die Gründe seines Handelns. Der  Song ist nicht ganz so düster wie andere Tracks des Albums. „Escape 120“ hat eine gewisse humoristische Note mit seinem Elektronikbeat und den sehr schnell gerappten Passagen. „O.C.B.“ und „Curry Chicken“ sind dann für mich etwas überladen und hätten nicht mehr auf das Album gemusst.

Wow. Das Album hat mir wirklich gut gefallen. Allerdings ist es nur bedingt geeignet, um nebenbei zu laufen. Viele Aspekte überhöre ich schnell, wenn ich mich nicht konzentriere und die Details verleihen dem Ganzen seinen besonderen Glanz. Vielleicht etwas melodischer und ein bisschen weniger verworren und Joey Bada$$ hätte für mich eine Punktlandung gemacht. So ist es ein sehr gutes Hip Hop Album, welches ich gerne öfters hören werde.

Albumreview: Antilopen Gang – Aversion

Immer wieder hoffe ich bei deutschen Hip Hop Künstlern etwas neues zu hören, bei dem mich auch die Texte inhaltlich überzeugen. Oftmals ist das Ganze platt und unglaubwürdig oder macht zu sehr auf dicke Hose. Eine wirkliche Entdeckung in dieser Hinsicht war dieses Jahr die Antilopen Gang. Diese haben Ende 2014 ihr Album mit dem Titel  Aversion veröffentlicht und gehen damit nun steil. Ausverkaufte Konzerte auf ihrer Tour sind ein gutes Indiz dafür, dass die Jungs wirklich was drauf haben. Nun gibt es die Gruppe schon seit einigen Jahren, aber erst vor kurzem habe ich mich näher mit ihrer Kunst auseinandergesetzt. Über das Album kann ich daher folgendes berichten:

„Die neue Antilopen Gang“ ist ein Einstiegssong, der humorvoll auf die Schippe nimmt, dass die Jungs jetzt kommerziell arbeiten und nur noch auf die Kohle aus sind. Hier zeigt sich gleich, welcher Humor sich hier verbirgt. Mir wird klar, das man ordentlich zum Schmunzeln kommt, wenn das Ganze so weiter geht. „Der goldene Presslufthammer“ ist ein Songtitel der Aufmerksamkeit erregt. Der Song ist dann nachdenklicher. Er erschließt sich nicht beim ersten Hören und hat etwas kryptisches. So gibt es Spielraum für eigene Interpretationen, was ich in einem gewissen Rahmen sehr gerne mag.

 „Ikearegal“ startet danach mit einem schönen Pianosample. Der Inhalt des Songs ist dann nicht mehr schön sondern bestens vorgetragene Mainstream-Kritik. Die Aussagen sind deutlich und nicht misszuverstehen. Danke dafür! „Verliebt“ zeigt dann, dass nicht alle Rapper nur auf dicke Hose machen und ein Frauenbild aus der Steinzeit haben. Die Antilopen Gang will sinnvolle Gespräche führen und hat Angst vor dummen Aussagen, die verhindern, dass sie sich verlieben. Ein Titel direkt ins Herz. Mit „Outlaws“ legen die Antilopen danach direkt die nächste hohe Latte. Sie wollen gar nicht dazugehören, sondern sind aufgewachsen als Außenseiter und haben sich mit ihrer Rolle angefreundet. Ich kann mich mit diesen Gefühlen identifizieren und erinnere mich an meine Jugend.

Auch in „Chamäleon“ geht es wieder um Anpassung. Wenn die Antilopen sagen „Es gibt keinen Grund diesen Leuten zu gefallen“, finde ich das großartig und feiere das ab. „Ibiza“  ist danach ein krasser Steigerungslauf, der eine Anpassung simuliert. Komplett hören und feiern! „Trümmermänner“ schlägt dann wieder kryptischere, nachdenklichere Töne an. Nach einigen deutlichen Tracks eine starke Abwechslung. Danach folgt mit „Beate Zschäpe hört U2“ der wohl bekannteste Hit der Gang. Dieser beschäftigt sich mit den rechten Tendenzen in der deutschen Gesellschaft und legt den Finger tief in die Wunde. Zeitgeist auf dem Höhepunkt.

„Anti alles Aktion“ ist ein Song in guter Punk-Tradition. Auf einem Hip Hop Album. Schnell und energiegeladen gefallen mir Textzeilen wie: „Wir hatten uns nicht vorgenommen jemals auf die Welt zu kommen und trotzdem ist es irgendwie passiert“. „Enkeltrick“ wählt sich als Thema den Betrug von Rentnern, die hilflos den Unterschied zwischen echten Anliegen und Abzocke nicht mehr erkennen. Beat und Text passen gut. Ernstes Thema ansprechend verarbeitet. „Chamäleon 2“ warnt wieder vor Anpassung „… es gibt keinen Grund diesen Leuten zu gefallen.“ und „Gib kein Fick auf Vernunft“. Daumen hoch. In „Beton“  zeigt die Gang, wie es sich anfühlt keinen Zugang zur Natur zu haben. Starkes Thema mit Antilopenhumor angepackt. Ich hoffe viele Menschen blicken hinter die Betonfassade. „Déja Vu“ hat dann mit dem täglichen Trott auch ein ernstes Thema. Das Ganze klingt etwas eintönig, aber Meckern muss man hier auch auf sehr hohem Niveau. „Unterseeboot“ ist dann das kryptische Ende dieses tollen Albums. Metaphern bis zum Abwinken und die Hoffnung, dass die Antilopen Gang die Kombination von Leichtigkeit und Reflexion nicht verlieren wird, die dieses tolle Album geprägt hat.

Aversion ist das beste deutsche Hip Hop Album seit langem. Die Jungs touren durch das Land und ich halte die Augen auf, um sie live zu sehen. Bin doch recht angefixt und gespannt, was von ihnen in der Zukunft noch kommt. Ging mir lange nicht mehr so. Fühlt sich gut an.