Leserbrief zu Artikel auf Spiegel Online „Autogramm Kia Soul: Kleine Kante“

Sehr geehrter Herr Grünweg,

da sind Sie nun mit dem „lässigen“ Kia Soul durch Kalifornien gedüst und haben darüber einen Artikel für Spiegel Online geschrieben. Ich habe ihren Artikel heute gelesen und war zuerst von diesem Wagen recht positiv überrascht. Im Nachgang habe ich nach weiteren Informationen gesucht und mich gewundert, warum diese in ihrem Artikel nicht auftauchen.

Da wäre zuerst der Verbrauch. Sie schreiben am Verbrauch „dürfte sich nicht viel ändern“.  Autobild hat in einem Dauertest ermittelt, dass ein Soul schon mal einen Durchschnittsverbrauch von 9,5l haben kann. Für die heutige Generation von Autos halte ich das für sehr viel. Ein ähnlich motorisierter Golf ist da bei weitem sparsamer und verbraucht deutlich weniger, wird aber trotzdem dafür deutlich kritisiert (siehe Welt-Beitrag). Der Kia Soul ist also eine Spritschleuder, wie lässig. Klar in Kalifornien mag das durch den niedrigeren Spritpreis in USA funktionieren, aber bei uns? Wenn ich einige Liter auf 100km sparen kann, ist das eine deutliche Kostenersparnis. Aber das interessiert wohl ihre Leser nicht. Na gut. Auch den CO2-Ausstoß des Kia Soul geben Sie nirgends an. Warum?  Autobild ermittelte im Dauertest für das alte Modell 162,8 g/km. Umweltfreundlich sieht anders aus.

Was bleibt nun nach dem Lesen? Der Eindruck bewusst kein vollständiges Bild vermittelt bekommen zu haben und Autogramme auf Spiegel Online nicht mehr lesen zu wollen. Man fragt sich schon, wie Kia ihnen den Trip nach Kalifornien versüßt hat, damit Sie so lässig über dieses Auto schreiben. Ja, der Look ist erfrischend. Aber das ist doch noch lange nicht alles, oder?

Über eine kritischere Berichterstattung in Zukunft freue ich mich!

Viele Grüße

Andreas Riedl

Starbucks reloaded

Offener Leserbrief an den Münchner Merkur und Autor Martin Prem

Sehr geehrter Herr Prem,

mit Interesse habe ich Ihren Artikel „Starbucks: Die Steuertricks des Kaffee-Giganten“ gelesen. Ich arbeite seit einigen Jahren in einem Steuerberatungsunternehmen im Bereich der Verrechnungspreise. Bei der Durchsicht des Artikels haben sich einige Fragen und Anregungen ergeben, und ich würde mich über deren Beantwortung freuen.

  • In ihrem Artikel schreiben Sie, dass Lizenzzahlungen, die im Ausland erwirtschaftet wurden, in den Niederlanden nicht versteuert werden müssen. Basierend auf welcher gesetzlichen Regelung in den Niederlanden sollte dies möglich sein? Mir ist ein solches Gesetz, welches eine vollkommene Steuerfreiheit vorsieht, nicht bekannt.
  • Weiterhin schreiben Sie im ersten Abschnitt ihres Artikels, dass alles ganz legal sei. Im letzten Abschnitt weißen Sie dann darauf hin, dass die Geltendmachung der überhöhten Lizenzgebühren internationalem Steuerrecht widerspreche. Was nun? Die Regeln, die betreffend Verrechnungspreisen eingehalten werden müssen, sind kompliziert und ich bin auf ihre detaillierte Einschätzung bzgl. der Legalität der angesprochenen Transaktionen gespannt.
  • Ich würde mich freuen, wenn Sie konkret ausführen könnten, warum Irland und Zypern sich als Verschiebungsplattform anbieten. Einige meiner Mandanten würde sich über ihre Erkenntnisse freuen.
  • Sie behaupten weiterhin die Modelle seien weit verbreitet. Welche Unternehmen nutzen das Modell dann noch?
  • Woher stammen ihre Berechnungen der 8-9 Millionen EUR, die europäischen Ländern entgehen? Weiterhin ist mir nach der Lektüre nicht bewusst, wie das Modell funktioniert und Europa Steuern vorenthält, wo doch die Transaktionen mit den Niederlanden und der Schweiz sind. (Die Schweiz ist wohl ein europäisches Land, auch wenn es kein Mitglied der EU ist).

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir den Fall näher erläutern würden. Weiterhin würde ich mich freuen, wenn Sie mir mitteilen könnten, ob das bayrische Finanzministerium bestätigt hat, dass Sie diesen Fall wirklich schleifen haben lassen und bei Starbucks keine Betriebsprüfungen stattgefunden haben. Die Behauptung von Eike Hallitzky wurde doch mit Sicherheit überprüft.

Viele Grüße

Andreas Riedl

Leserbrief zu „FC Augsburg – Der Aufstiegskandidat, den keiner will“

Am 11.04.2010 habe ich einen Leserbrief an Herrn Glindmeier von Spiegel Online geschrieben, weil er einen Artikel über den FC Augsburg verfasst hatte, bei dem ich ihm in einigen Punkten widersprechen musste.

Der Artikel findet sich hier. Nett daran ist auch das Foto von letzter Saison noch mit Impuls als Hauptsponsor und Mouri im Hintergrund.

Geschrieben hab ich das Folgende:

Sehr geehrter Herr Glindmeier,

auch wenn ihr Artikel „FC Augsburg – Der Aufstiegskandidat, den keiner will“  schon 2 Monate zurück liegt, muss ich doch mit einem Leserbrief meine Meinung zu diesem sympathischen Verein kund tun und einigen Punkten ihres Artikels widersprechen und die Fakten gerade biegen.

  1. Beliebtheit bei Vereinen aus der ersten Bundesliga

Ticketmanager größerer Arenen, die nicht regelmäßig ausverkauft sind, würden lieber Düsseldorf oder Union Berlin neben den beiden Traditionsvereinen 1. FC Kaiserslautern und dem FC St. Pauli an der Tabellenspitze der zweiten Liga sehen.

Es mag sein, dass der FCA nicht den höchsten Zuschauerschnitt in der 2. Liga hat, und in dieser Kategorie vor allem von Kaiserslautern und Düsseldorf überboten wird. Dazu muss man allerdings anmerken, dass auch in Düsseldorf das Stadion halbleer, da vollkommen überdimensioniert, ist. Den Vergleich mit Union Berlin kann ich an dieser Stelle überhaupt nicht nachvollziehen, denn Union hat nur einen Zuschauerschnitt von aktuell 13.665 Menschen und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese alle die Auswärtsfahrten bis nach z.B. Karlsruhe mitmachen. Insgesamt gibt es basierend auf der Betrachtung der Ticketverkäufe im Moment nur fünf Vereine, die über dem FC Augsburg in der zweiten Liga liegen (Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/2bundesliga/spieltag/2-bundesliga/2009-10/zuschauer-der-saison.html Stand: 11.04.2010).  Es bleibt anzumerken, dass unter Betrachtung dieses Punktes Vereine wie Rostock, Cottbus, Karlsruhe, Duisburg oder Bielefeld bei den Erstliga-Managern noch unbeliebter waren. Der FC Augsburg stellt daher schon fast eine Verbesserung in deren Gedanken dar.

Was mich an dieser Argumentation in ihrem Artikel aber am meisten stört ist das Kriterium. Es mag wohl sein, dass aus wirtschaftlicher Sicht andere Vereine in der ersten Liga bevorzugt werden, aber solange sich ein Verein sportlich qualifiziert, kommt es nur noch aus Lizenzgesichtspunkten auf die wirtschaftliche Seite an. Deswegen spielen auch Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, etc. in der ersten Liga, denn diese Vereine haben anscheinend genügend sportliche Klasse. Mir fehlt insgesamt in ihrem Artikel eine breitere Würdigung des sportlichen Aspekts, denn was die Mannschaft aus sportlicher Perspektive dieses Jahr geleistet hat, ist sowohl sehenswert als auch erfolgreich. Mir haben die Spiele, die ich bisher dieses Jahr verfolgen konnte, sowohl im DFB-Pokal als auch in der 2.Liga Spaß gemacht und warum Sie vom FC Augsburg anscheinend ein so langweiliges Bild haben kann ich wirklich nicht nachvollziehen.

Wenn Sie schon neben dem sportlichen Aspekt noch einen weiteren in die Kalkulation einbeziehen wollen, dann doch bitte das Verhalten der Fans anstatt ihrer wirtschaftlichen Kraft. Und nachdem es in den letzten Monaten viele Verurteilungen des DFB unter anderem für die Vereine in Köln, Nürnberg, Berlin und Frankfurt gegeben hat, bleibt an dieser Stelle anzumerken, dass die Augsburger Fans doch durchweg friedlich sind. Auch unter diesem Gesichtspunkt kann man den durchschnittlichen Bundesligamanager also nur beruhigen.

  1. Ticketpreise

Ein Grund für das geringe Interesse dürften die vergleichsweise hohen Ticketgebühren sein. 36 Euro kostet ein Sitzplatz auf der Gegengeraden. Bei St. Pauli beispielsweise kostet ein ähnlicher Platz die Hälfte.

An dieser Stelle bin ich komplett verwundert, denn diese Darstellung ist sachlich komplett falsch, in Beziehung auf die reellen Kartenpreise. Dabei  bin ich selbst ein großer Kritiker des heutigen Preissystems, was aber nicht an der reellen Höhe der Preise liegt – dazu aber später mehr. Denn zuerst will ich einige Unwahrheiten in ihrem Artikel aufzeigen. Sie schreiben, dass beim FC Augsburg ein Platz auf der Gegengeraden 36,- Euro kostet. Dies ist nicht wahr. Ein Platz auf der Gegengeraden kostet 33,- Euro (Quelle: http://www.fcaugsburg.de/cms/website.php?id=/index/tickets/impulsarena.htm Stand 11.04.2010). Abgesehen davon kann ich nicht nachvollziehen, dass sie erkennen wollen, dass ein ähnlicher Platz bei St. Pauli nur die Hälfte kostet.  Die Karten in der Mitte der Gegengerade kosten bei St. Pauli auch 35,- Euro. Der günstigste Platz auf der Gegengeraden bei St. Pauli kostet 22,- Euro (Quelle: http://www.fcstpauli.com/staticsite/staticsite.php?menuid=1936&topmenu=168&keepmenu=inactive Stand 11.04.2010).  Das ist teilweise mehr als beim FC Augsburg oder aber nur 2/3 des Preises. Wo sie daher die Idee herhaben, dass vergleichbare Karten am Millerntor nur 50% kosten ist mir ein Rätsel. An dieser Stelle noch ein weiterer Punkt, der meiner Ansicht nach in Augsburg höhere Preise rechtfertigen würde, auch wenn die fußballerische Leistung diese Saison recht identisch ist:  Das Stadion in Augsburg ist fertig und in St. Pauli wird noch gebaut…

Aber wie schon erwähnt ist mir bewusst, dass der FC Augsburg mit der Festlegung der Kartenpreise im neuen Stadion nicht das große Los gezogen hat, was aber nicht an der Höhe der Preise im Generellen sondern an der Ausgestaltung des Preissystems im Detail liegt. Ihre Kritik ist mir daher einfach zu pauschalisiert, denn das Preissystem hat sehr wohl einige Haken – eine bessere Recherche hätte in dem Punkt wohl nicht geschadet. Wie oben gezeigt, sind die Kartenpreise mit denen in der Liga generell vergleichbar – zumindest auf eine pauschale Art und Weise.

Hier kurz zwei Kritikpunkte, die das Preissystem unsympathisch machen, die von Ihnen aber leider nicht aufgegriffen wurden:

–          Die Preise auf den Geraden werden nicht nach Spielfeldhöhe differenziert. So kosten Karten auf Höhe der Eckfahne genau so viel wie Karten auf Höhe der Mittellinie. Alle Karten kosten 33,- Euro. Bei St. Pauli beträgt die Spanne zwischen 35,- und 22,- Euro und es gibt eine Unterteilung in drei Kategorien. Allerdings sehe ich es auch nicht ein für einen Platz auf Höhe der Eckfahne genau so viel zu bezahlen wie auf Höhe der Mittellinie. Die Perspektive auf das Spielfeld ist auf Höhe der Eckfahne sicher schlechter und sollte daher weniger kosten.

–          Ein leidiges Thema beim FC Augsburg sind für mich weiterhin die Ermäßigungen. Beim FC Augsburg wird sehr oft die Fahne des bodenständigen Vereins hoch gehalten. Bei den Ermäßigungen zeigt sich hier genau das Gegenteil. Auf Tageskarten gibt es nur Ermäßigungen für Kinder bis 16, Mitglieder und Schwerbehinderte ab 70%.  Hier sollte sich der FC Augsburg dringend ein Beispiel an anderen Vereinen wie dem St. Pauli nehmen. Ermäßigungen für Kinder bis 18 Jahre, Schüler jeden Alters, Studenten, Wehr- und Zivildienstleistende, Rentner und Arbeitslose halte ich genauso gerechtfertigt wie für Schwerbehinderte ab 50%. Warum beim FC Augsburg für die Stehplatzdauerkarten andere Voraussetzungen gelten als für Tageskarten und andere Dauerkarten und bei Schwerbehinderten die Grenze von 50 auf 70 Prozent vor der Saison geändert wurde, ist mir nicht ersichtlich.

  1. Mannschaftszusammensetzung

Doch während die Aufstiegskonkurrenz von Hamburg über Düsseldorf bis Kaiserslautern die eigenen und sogar manch gegnerischen Anhänger verzückt, indem sie auf junge, freche Spieler wie Deniz Naki (St. Pauli) oder Sidney Sam (Lautern) setzt, wird der FCA von gegnerischen Fans gerne als Resterampe der Bundesliga verspottet.

Auch hier ist mir das Urteil zu pauschal und spätestens seit dieser Saison ist diese Aussage sicher nicht mehr richtig. Die Augsburger Fans haben auch in dieser Saison das Verhalten angeprangert, dass in den letzten Jahren zu viele alte und verbrauchte Fußballer geholt wurden. Dies wird durch das Bild, welches ich Ihnen im Anhang mitgeschickt habe bezeugt.

In dieser Saison wird die Mannschaft, aber vor allem in der Offensive von Spielern getragen, die nicht  nur sympathisch, sondern auch jung und frech sind. Michael Thurk ist in diesem Verbund eher die Ausnahme, jung nur im Geiste, dafür aber umso frecher und mit mittlerweile 22 Saisontreffern umso erfolgreicher.

Der FC Augsburg hat mit Ibrahima Traore (21 Jahre / 6 Tore / 10 Assists) und Marcel Ndjeng (27/5/9) haben beide ihre besten Jahre als Fußballer noch vor sich und sind im Moment wohl die beste Flügelzange der zweiten Bundesliga. Im zentralen Mittelfeld lenkt mit Daniel Brinkmann in dieser Saison ein 24jähriger das Spiel, dem es in der Offensive ab und an noch an der letzten Konsequenz mangelt, der aber eine beachtliche Debütsaison in der Fuggerstadt spielt. Zusammen mit Daniel Baier (25), sehe ich hier das zentrale Mittelfeld der Zukunft des FC Augsburg.

Aber auch die eigene Jugend kommt in Augsburg in dieser Saison wieder vermehrt zum Zuge. Sowohl Robert Strauß als auch Stephan Hain haben in dieser Saison schon einige Einsätze von Jos Luhukay bekommen.  Bei Stephan Hain wären es ohne Verletzungen sicher mehr Einsätze gewesen. Zudem hat Jos Luhukay Moritz Nebel zu seinem Profidebüt verholfen.

An dieser Stelle wäre es aus ihrer Perspektive sicher besser gewesen, darauf hinzuweisen, was sich in dieser Saison in Augsburg verändert hat: Es ist endlich wieder Ruhe und Konstanz eingekehrt und mit Jos Luhukay wird erstmals seit Rainer Hörgl wieder ein Trainer eine ganze Saison auf der Bank des FC Augsburg verbringen. Dies hat sicher mit der Qualität des Trainers und seiner Arbeit zu tun, die sich im guten Tabellenplatz wiederspiegelt.

Ich hoffe daher, dass Sie am Montagabend die Chance nutzen, sich die Mannschaft des FC Augsburg genauer zu betrachten. Vielleicht kommen Sie im Zuge der letzten Saisonspiele nach Augsburg und schauen Sich an was hier in den letzten Jahren aufgebaut wurde – ein Traditionsverein hat seinen Platz im Profifußball, den der FC Augsburg in den 70er Jahren schon einmal hatte, wieder zurückerobert.

Viele Grüße aus Frankfurt

Andreas Riedl

Der finanzielle Aspekt des Studiums – Eine Erwiderung!

Der finanzielle Aspekt des Studiums –  Eine Erwiderung!

Leserbrief betreffend des Artikels „Karriere, Karriere, Knick“ von Klaus Werle Spiegel Online vom 3.Februar  2010

Beim Lesen des Artikels von Klaus Werle musste ich doch mehrere Male innehalten und ganze Absätze nochmals lesen. Über viele Aussagen des Autors habe ich mich nur gewundert, manche davon will ich nicht so im Raum stehen lassen.

An den deutschen Hochschulen hat es in den letzten Jahren viele Veränderungen gegeben und das Bildungssystem hat für die Zukunft unseres Landes eine zu große Bedeutung, als das man es dem Autor des Artikel durchgehen lassen könnte, so pauschal über die heutige Studierendengeneration herzuziehen.

Vorweg muss ich anmerken, dass ich die Aussage des Artikels, Studenten sollten während des Studiums wieder mehr über den Tellerrand schauen, für richtig halte. Allerdings sehe ich die Beweggründe, die Studenten dazu bringen ihr Studium möglichst zügig voran zu treiben, etwas differenzierter. Klaus Werle beschreibt die heutige Studentengeneration als  „Ultra-Pragmatiker, die knallharte Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellen auf dem Weg nach oben“.  Dabei sieht er die Gründe hierfür alleine bei den Studenten, die von einer Generation auf die nächste einfach mal ihre Einstellung geändert haben: „Viele Studenten musste man nicht zwingen: Ergeben, bisweilen gar freudig nahmen sie die neuen, strengeren Bachelor-Strukturen an.“  Spätestens hier konnte ich nur noch verwirrt mit dem Kopf schütteln. Klaus Werle ignoriert die Kosten die während eines Studiums beim Studenten anfallen vollständig. So vernachlässigt er zum einen, dass in den letzten Jahren in vielen Bundesländern Studiengebühren eingeführt worden sind, die den Anstieg der Lebenserhaltungskosten für Studenten noch verstärkt haben. Durch die Mehrwertsteuererhöhung und Inflation kam es in den letzten Jahren schon zu einer Erhöhung des finanziellen Drucks auf die heutige Studierendengeneration. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass sich aus der heutigen Studiengeneration niemand mehr an die letzte  Bafög-Erhöhung erinnern kann (für alle Historiker: 2002). Durch die Wirtschaftskrise ist der Berufseinstieg für junge Akademiker zusätzlich noch schwieriger geworden,  aber das spielt sicher auch keine Rolle für die Motivation der Studenten möglichst gute Leistungen zu bringen.

Die Studierendenproteste Ende 2009 haben genau in diese Kerbe geschlagen, und Veränderungen am Bildungssystem gefordert, damit der Druck auf Studierende wieder geringer wird und auch Blicke über den Tellerrand möglich werden. Die Sichtweise von Klaus Werle auf die Proteste im letzten Jahr kann ich daher nicht teilen, denn die Forderungen der Studierenden wurden vielerorts als nicht konkret genug und zu undifferenziert gesehen. Was so viele Studenten auf die Straße getrieben hat, waren sicher nicht nur Umsetzungsmängel. Die „kleineren Aufstände“ haben dabei immerhin erreicht, dass in der Öffentlichkeit vermehrt über das Thema Bildung diskutiert wurde, dass vielleicht in 2010 doch eine Bafög-Erhöhung kommt und dass Bachelorstudiengänge reformiert werden. Anscheinend war der Druck auf die Politik und Hochschulen groß genug um zumindest kleine Veränderungen zu bewirken.

Als weiterer Beleg für die Ahnungslosigkeit des Autors gegenüber der Situation an den Universitäten heute kann die anfängliche Aussage gewertet werden, dass die Bewerbung für ein Master-Programm als „der nächste logische Schritt in ihrem Aufstiegsszenario“ gewertet wird. Einem Diplomstudenten hätte früher niemand vorgeworfen karrieristisch zu handeln, wenn er sein Studium nach der Hälfte der Zeit fortgesetzt hätte. Ein Bachelorstudent, der sein Studium nach drei Jahren abschließt hat mit Sicherheit nicht die gleiche Qualifikation erlangt wie Diplomstudenten nach fünf Jahren. Der Master sollte daher die Regel und nicht die Ausnahme für Bachelorabsolventen sein.

Abschließend lässt sich so urteilen, dass der Autor gut daran getan hätte sich mit den Problemen an den Universitäten etwas genauer auseinander zu setzen und differenzierter zu urteilen. Von Spiegel Online hätte ich anstatt einer Reihe von Auszügen aus dem Buch von Klaus Werle eher eine Serie über die Problempunkte des universitären Bildungssystems erwartet. Dem Autor empfehle ich dringend einen Besuch in einer Universität anstatt der nächsten schnellen und geradlinigen Buchveröffentlichung.

Schocktherapie vs. Besonnener Aufbau der Marktwirtschaft

Leserbrief betreffend des Artikels „Wirtschaftswunder an der Weichsel“ von Thomas Urban Süddeutsche Zeitung Nr.1 von Samstag/Sonntag 2./3.Januar 2010

Thomas Urban beschreibt in seinem Artikel die positiven Auswirkungen einer ökonomischen Schocktherapie in Polen. Die positive wirtschaftliche Situation in Polen lässt sich dabei nicht bestreiten. Nur die Darstellung wie es dazu kam, ist meiner Ansicht nach inkorrekt.

Die Darstellung, der damalige polnische Finanzminister Balcerowicz habe eine Schocktherapie angewandt, kann so nicht bestätigt werden. Wenn Polen eine Schocktherapie angewendet hätte, dann wären die Resultate wohl kaum so erfolgreich, sondern ähnlich denen in Russland gewesen. Angesehene Ökonomen wie Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bestreiten, dass Polen überhaupt eine Schocktherapie angewendet hat. So begann Polen zwar die Hyperinflation mit schocktherapeutischen Mitteln zu bekämpfen, änderte sein Vorgehen aber relativ schnell. Nachdem Polen zwar erkannte, dass man mit schocktherapeutischen Maßnahmen die Inflation bekämpfen konnte, diese aber nicht dazu beitrugen, generelle gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, änderte die polnische Regierung ihren Kurs. Sie ging nach der Eindämmung der Inflation dazu über die Privatisierung nur langsam voranzutreiben und achtete darauf Grundinstitutionen der marktwirtschaftlichen Ordnung aufzubauen. Dadurch gibt es in Polen ein funktionierendes Bankensystem, welches für die Vergabe von Krediten zuständig ist und ein Rechtssystem, welches auf die Einhaltung von Verträgen achtet. So kam es in Polen zu breiterer demokratischer Unterstützung der Reformen und niedrigerer Arbeitslosigkeit.

Auch die Ablehnung des freien Handels von Immobilien steht für diesen sanften Kurs. In Ländern, deren Regierungen eine Schocktherapie angewandt hatten, wären der Immobilienhandel wohl schneller realisiert worden. Natürlich sind Polen dadurch kurzfristig Investitionen entgangen. Nur wurde damit auch verhindert, dass Immobilien billig verkauft wurden, in einer Zeit, in der auf Grund der Inflationsbekämpfung, die eigene Währung nicht stabil war. Immobilienspekulationen und Bereicherungen auf Kosten der polnischen Bevölkerung konnten so wirkungsvoll verhindert werden. Die Immobilienverkäufe ließen sich später immer noch liberalisieren, als die Währung stabil war.

Als generelles Urteil lässt sich daher erkennen, dass Polen innerhalb der letzten 20 Jahre eine bewundernswerte wirtschaftliche Entwicklung durchgemacht hat. Allerdings geht diese Entwicklung aus ökonomischer Sicht nicht auf eine Schocktherapie der damaligen polnischen Regierung zurück, sondern auf das besonders besonnene Vorgehen dieser Regierung. Dieses muss in Anbetracht des Drucks von wirtschaftlichen Institutionen wie des IWF besonders hervorgehoben werden. In den Zeiten der Finanzkrise zeigt sich, dass man mit wirtschaftlichen Aufbau und der Stützung marktwirtschaftlicher Institutionen langfristig Erfolg haben kann. Rücksichtslose Deregulierung und Privatisierung im Rahmen einer Schocktherapie können ohne den Aufbau marktwirtschaftlicher Institutionen zu vielen negativen Folgen, wie hoher Arbeitslosigkeit, ansteigender Armut und ungerechterer Verteilung der Einkommen führen.

(Zum Vergleich: Joseph Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung, 2002,BpB, Bonn, S.209ff. )