Mit dem Herzen „Down South“

Musik soll einen mitnehmen, berühren und inspirieren. Meine Hörgewohnheiten haben sich stark verändert. Ich schaue mittlerweile viele Videos bei Youtube und suche nach Künstlern, die ich mir gerne live ansehen will. Mit Konzertbesuchen klappt es dann nicht mehr so oft, deswegen will ich vorher sichergehen, dass es super wird. Manchmal habe ich spontan Zeit und schaue mir etwas neues an. Vor einiger Zeit Jeremy Loops. Der hat jetzt auch ein Album mit Trading Change draußen.

Seine Songs berühren mich auf einer persönlichen Ebene. Dazu bietet er live als Loopkünstler diesen WOW-Effekt, den ich zum ersten Mal bei KT Tunstall hatte. Sein Musikstil passt dabei in keine Schublade. Ich kann deutliche Hip Hop Einflüsse erkennen, aber auch der Folk ist aus seiner Musik an vielen Stellen  herauszuhören. Sein bekanntester Song ist wohl „Down South“, der die Identität von Jeremy auch am besten widerspiegelt:

In Südafrika, wo Jeremy Loops herkommt, spielt er auch mal vor mehr Menschen.  Das scheint ihm sehr gut zu gelingen und er kann Leute großartig mitnehmen.

In Europa sind die Hallen (noch) etwas kleiner. Der Zoom Club in Frankfurt war ausverkauft und es hat riesig Spaß gemacht. Dabei sind seine Songs nicht eintönig. Vielseitigkeit und Abwechslungsreichtum sind seine großen Stärken. Jeremy Loops überrascht.

Nachdem ich Jeremy Loops vor nun mehreren Wochen in Frankfurt live sehen durfte, bleibt er mir immer noch im Kopf. Jeder weitere Künstler dieses Jahr muss sich an ihm messen. Jeremy Loops in meinem Kopf ist dafür bereit. Turn it up!

Albumreview: Sizarr – Nurture

Nach meinem Review der Cold War Kids bin ich zuletzt noch auf eine weitere interessante Indierock-Platte gestoßen. Nurture von Sizarr hat es mir angetan. Wer Sizarr hört, denkt mit Sicherheit nicht, dass die Jungs aus Landau in der Pfalz kommen. Internationaler Indiesound mit Format überraschte auch mich, als ich bei der Platte auf Play drückte. Es ist schon das zweite Studioalbum der Band. Das erste habe ich wohl einfach verpennt. Ich werde hier bald mal nachforschen müssen.

Nun aber zurück zur aktuellen Platte. „Clam“ legt direkt flott los und legt den Grundstein für die weiteren Songs. Ich habe mich direkt beim mitwippen erwischt und erst später nachgehört, worum es denn überhaupt geht. „I may have lied to you“ beschreibt, warum in mancheb Situationen aus Angst lügt. Der Song sticht durch seinen tollen Gitarrensound hervor, der mir gut gefällt. Repeat!  „Baggage Men“ hat dann ein außergewöhnliches Intro und ist mir persönlich zu krass instrumentiert. Ein etwas simpleres Arrangment würde mir besser gefallen, wo der Song insgesamt eine schöne Struktur hat. Sonst jemand etwas überfordert?

Kein Intro, direkter Gesangseinstieg, hallo „Timesick“. Das Problem kennt jeder: die Zeit rinnt einem durch die Finger und man fühlt sich überfordert. Schön beschrieben, wieder etwas mächtig instrumentiert, aber für das Motiv passend.

Mit dem Auto durch die Nacht, Fenster auf und „Scooter Accident“ laut drehen. Die Angst jemanden zu vertrauen und die Kontrolle zu verlieren. Volltreffer!

Pianoballade gefällig? „Untitled“ ist genau das. Romantisch, gedankenverloren – so einfach und schön. „Slightly“ ist ein netter Popsong. Etwas platt und monoton. „Slender Gender“ gleich darauf handelt von Kindheitserinnerungen und der Hoffnung auf eine bessere Welt. Schöne Melodie mit Ohrwurmgefahr. „You and I“ ist eine Ballade über den Moment des Verliebens. „How much for this“ setzt einen kraftvollen Schlusspunkt, der mit eingängigen Gitarrenläufen das Album beendet und einen Steigerungslauf zum Abschluss vollbringt. Schon vorbei? Schade.

Sizarr pflegen Indierock- bzw. Elektropopsound, der schwer einzuordnen ist. Stark von den 80er geprägt, haben viele Songs schöne Melodien. Die Instrumentierung ist nicht abgenutzt, an wenigen Stellen aber für meinen persönlichen Geschmack zu dick aufgetragen. Die Schönheit vieler Songs liegt in ihren einfachen Melodieverläufen. Gerne drücke ich auf Repeat. Jetzt.

Albumreview: Cold War Kids – Hold my Home

Im März veröffentlichten die Cold War Kids mit Hold My Home ihr fünftes Studioalbum in Deutschland. Die Indie Rock Band aus Kalifornien war mir schon früher zumindest beiläufig aufgefallen und so entschied ich mich dem Album eine Chance zu geben, um eine Abwechslung zu den Hip Hop Platten der letzten Zeit zu schaffen. Ich bin nunmal jemand, der gerne unterschiedliche Musikstile hört. Vorweg: Ich wurde nicht enttäuscht.

„All This Could Be Yours“ beginnt schwungvoll mit einem Pianointro bevor der Gesang von Nathan Willett und die Gitarren einsetzen. Mit kräftigen Drums im Hintergrund erzählt er die Geschichte von einer langen Wartezeit auf den einen Abend, nur um dann enttäuscht zu werden. „First“ ist als nächstes ein Song über Vertrauensverlust und Selbstmitleid. Hört selbst:

Danach kommt mit „Hot Coals“ ein poetischer Song über eigene Unzulänglichkeiten und die Angst einen geliebten Menschen zu verlieren, wenn man ihm die Freiheit einräumt, selbst zu wählen. Musikalisch kraftvoll wird diese düstere Angst gut durch die Instrumentierung des Songs unterstützt. Auch im nächsten Titel zeigt sich, dass das Album zumindest in der ersten Hälfte dazu dient, Ängste musikalisch zu verarbeiten. „Drive Desparate“ wird von der Angst getragen, alleine gelassen zu werden und keine Unterstützung zu erhalten.

„Hotel Anywhere“ ist dann eine psychedelische Wandlung auf dem Album. Man scheint schon fast beim Hören wegzufliegen. Der Text ist abgehoben und erinnert an einen Drogenrausch:

I live and I breathe
It’s incredible how little I need
I’ve been enlightened, away from my scene
I find the beauty in everything

„Go Quietly“ hat ein altbekanntes Motiv, in der Darstellung einer Person, die sich nicht nach den Vorstellungen des Partners ändern kann, was unweigerlich zum Beziehungsaus führt. Nichtsdestotrotz ist diese olle Kamelle musikalisch schön verpackt. Auch „Nights & Weekends“ erzählt keine neue Geschichte, bringt aber das Verknalltsein sympathisch und leicht psychedelisch angehaucht rüber. Ein Traum aus vielen rosa Wolken in Indie-Musik gepackt. Während dieser Songs nimmt das Album eine langsame positive Wendung. „Hold my Home“ ist für mich dann der erste schwächere Song auf dem Album, den ich nicht direkt einordnen kann. Er scheint mir belanglos und dazu recht monoton arrangiert. Was verpasse ich?

Wie der „Flower Drum Song“ losgeht gefällt mir schon sehr gut. Der Song hat ein tolles Intro und der Basseinsatz ist wohlplatziert. Daneben hat der Song für mich eine essentielle Aussage, in dem er dem Hamsterrad des „Trophy Life“ widerspricht. Druck ist in vielen Situationen selbstgeschaffen und kann abgelegt werden, indem man den „Flower Drum Song“ singt. Mein Favorit auf dem Album und ein absoluter Knaller! „Harold Bloom“ ist der Name des vorletzten Songs des Albums und zeitgleich eine Referenz an den gleichnamigen Literaturkritiker (ja, ich musste googeln), der wahrscheinlich ein Begründer der modernen Ranglisten war. Der langsame Titel will vermitteln, zufrieden mit der eigenen Leistung zu sein, auch wenn man vielleicht nicht der beste seines Fachs ist. Der Song gibt damit in seiner Richtung die Abkehr vom Wettbewerbsgedanken vor, die mir selbst schwerfällt. „Hear My Baby Call“ als Abschlusssong trifft mich dann wieder tief im Herzen, weil es die Liebe von Eltern zum eigenen Kind beschreibt. Wundervoll und bedingungslos. Damit endet die Platte versöhnlich und geleitet mich wohl in den Tag.

„Hold my Home“ ist ein teilweise düsteres aber sehr poetisches Album. Ich kann das Album nicht immer hören, vor allem wenn ich weiß, welche Geschichten die Songs erzählen. Ich bin ein positiv denkender Mensch und das Album ist doch vor allem zu Beginn recht dunkel. Erst auf der zweiten Hälfte hellt die Stimmung auf und vermittelt die ein oder andere positive Nachricht. Es ist eine sehr gelungene Abwechslung zu so manchem oberflächlichem Popsong aus dem Radio und gefällt mir auch musikalisch sehr gut. Für die richtigen Momente kann ich es daher nur empfehlen.

Albumreview: Dreiviertelblut – Lieder vom Unterholz

Über Dreiviertelblut bin ich durch Zufall gestolpert, als ich die Bayern 3 Compilation Heimatsound gehört habe. Ihr Titel „Deifedanz“ auf dem Doppelalbum hat schon damals dazu geführt, dass ich die Füße nicht mehr still halten konnte. Auch die bayrische Mundart schreckt mich persönlich nicht ab, sondern macht die Musik für mich noch ansprechender.

Entsprechend musste ich nachforschen und habe das erste Album der Band Lieder Vom Unterholz aufgestöbert. Verantwortlich für die Musik sind Sebastian Horn, Sänger der Bananafishbones (und womit wir wieder bei Jugendeinflüssen wären) und Gerd Baumann, der hier im Blog schon Thema beim Soundtrack zu Beste Chance war.

Bevor ich das Album eingelegt habe, bin ich davon ausgegangen, dass die Titel alle schnell und schwungvoll sind, genau wie „Deifedanz“. Aber schon der erste Titel zeigt, dass das Album eine vielschichtige musikalische Erfahrung bietet. „Himmelblau“ ist ein langsamer Opener, ein melancholisches Stück, dass deutlich macht, wie vielschichtig das Album wird. Auch „Amoi“ schlägt als dritter Titel nach „Deifedanz“ ruhige, traurige Töne an. Schwermut kommt auf und die berührenden Texte bringen einen zum Grübeln. Das „Sauflied“ lockert danach die Stimmung wieder auf, indem es den Hörer auf eine bayrische Sauftour mitnimmt. Aber schon bei „Heid muast no woana“ geht’s wieder um den Tod, während „Hollerkiacherl“ den Sommeranfang am besten beschreibt. Sehr passend im Moment.

„Wann i Dann“ behält dann den Wechsel bei und schlägt ruhigere Töne an. Wunderschön!

„Heigelkopf“ erzählt eine Geschichte aus dem Isartal und dem Widerstand gegen die Nazis in 1933. „Blutsauger“ ist danach beschwingter und humorvoller, erzählt von Abzockerkultur auf unterhaltsamste Art und Weise. „As erschte Moi“ ist wie ein kühles Lüftchen bei offenem Fenster im Sommer. Ein klarer Gedanke, der durch den Raum fliegt. Danach nimmt „Oda gemma hoim“ Schwung auf. Ein Polka auf das Problem des Versackens in Kneipen – mir nur allzu bekannt. „Nacht is woan“ schlägt hernach schon wieder Abschiedstöne an. Der Tod spielt eine bedeutende Rolle auf diesem Album und lässt sich nicht verdrängen. Das ist positiv, weil es viel zu selten der Fall ist. „Paradies“ nimmt genau diese Fährte in Richtung Jenseits wieder auf und erzählt vom Abschied. „2 schwarze Voegl“ ist dann ein sehr ruhiges Stück über die Dunkelheit, bevor „Falak“ eine poetische Geschichte zum Abschluss des Albums bietet, die einen tollen Schlusspunkt setzt.

Dreiviertelblut berühren mich. Die Musik trifft die Mischung zwischen klassischer Kammermusik mit popigen Einflüssen. Der Klang ist etwas besonderes und hebt sich vom Radioeinerlei deutlich ab. Insgesamt klingt das Album toll und die Texte treffen mich ins Herz. Beim Hören will ich mir eine Flasche Klaren danebenstellen und mit den Jungs über ihre tiefsinnigen Gedanken philosophieren, bevor das Ganze in einer großen Party auf das Leben endet.  Die Musik von Dreiviertelblut gehört zu meinen derzeitigen Favoriten.

Albumreview: Joey Bada$$ – B4.DA.$$

Aufgewachsen bin ich mit deutschem Hip Hop. Freundeskreis und die Absoluten Beginner waren die Helden meiner Jugend. Mit englischsprachigem Hip Hop habe ich mich erst später ernsthaft auseinandergesetzt. Mittlerweile höre ich sehr gerne auch englischsprachigen Hip Hop und habe hier u.a. über das letzte Album von 50 Cent oder Atmosphere berichtet. Im Moment läuft wieder eine englischsprachige Platte auf dem Weg zum Training, bei Fahrten durch die Dunkelheit und auf dem Heimweg Richtung Frankfurter Skyline: Joey Bada$$ hat sein Debutalbum B4.DA.$$ veröffentlicht und genau in diesen Situationen gefällt mir das Album. Wenn die Nacht über Frankfurt hereinbricht, dann kann ich dieses Album sehr gut hören.

Die Musik besticht mit ihren ruhigen Passagen. Schon im ersten Track „Save the Children“ ist der Beat recht langsam und man kann Joey Bada$$ sehr gut zuhören. Dabei beeindruckt er nicht nur mit den musikalischen Komponenten seiner Musik sondern auch mit für mich kryptischen Texten. „Paper Trails“ ist hierfür nur ein Beispiel. Wer Partyrap oder nur dicke Hose erwartet hat, ist hier definitiv falsch. „Piece of Mind“ ist ein weiteres Stück, welches einem einige Happen zum Nachdenken hinwirft und dazu noch hervorragend klingt. „Black Beetles“ und „Like me“ gehen auch in diese Richtung:

Joey Bada$$ – Like Me from Nathan R. Smith on Vimeo.

Manche Tracks haben etwas düsteres und vermitteln den Eindruck, als ob man mit Joey Bada$$ gerade durch die Straßen läuft. „Hazeus View“ fällt genauso in diese Kategorie wie auch „No. 99“. „Big Dusty“ ist so ein Ding, wo Aggression und eine gewisse Dynamik den Lyrics eine ganz besondere Kraft verleiht:

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Joey Bada$$ ‚BIG DUSTY‘ (FTTF Live Performance) from Lemonade Money on Vimeo.

Das Album ist dabei insgesamt sehr vielschichtig. Es gibt auch Songs, bei denen ich mich ganz hervorragend konzentrieren kann. „Belly of the Beast“ oder „Christ Conscious“sind Stücke, bei denen ich meine innere Mitte finde:

JOEY BADA$$: CHRIST CONSCIOUS from Creative Immortal on Vimeo.

In anderen Tracks wie „On & On“ wird Joey Bada$$ persönlich und spricht über die Gründe seines Handelns. Der  Song ist nicht ganz so düster wie andere Tracks des Albums. „Escape 120“ hat eine gewisse humoristische Note mit seinem Elektronikbeat und den sehr schnell gerappten Passagen. „O.C.B.“ und „Curry Chicken“ sind dann für mich etwas überladen und hätten nicht mehr auf das Album gemusst.

Wow. Das Album hat mir wirklich gut gefallen. Allerdings ist es nur bedingt geeignet, um nebenbei zu laufen. Viele Aspekte überhöre ich schnell, wenn ich mich nicht konzentriere und die Details verleihen dem Ganzen seinen besonderen Glanz. Vielleicht etwas melodischer und ein bisschen weniger verworren und Joey Bada$$ hätte für mich eine Punktlandung gemacht. So ist es ein sehr gutes Hip Hop Album, welches ich gerne öfters hören werde.